Es gibt Momente, in denen das Leben uns zwingt, stillzustehen. Wir halten inne, während alles um uns herum weiterläuft. Die Welt dreht sich, der Tag geht in die Nacht über, Menschen gehen ihren Alltag nach – und doch ist für uns alles eingefroren. Die Zeit verliert ihre Bedeutung, wenn man in einem Krankenhausflur sitzt und wartet.

Mein Vater liegt auf der Intensivstation. Ein Unfall, eine Hirnblutung – ein einziger Moment hat alles verändert. Ich bin von Kasachstan in die Türkei, dann nach Deutschland geflogen. Jeder Kilometer, jede Grenze hat mich weiter von der Realität entfernt, bis alles nur noch surreal erschien. Ich bin in der Zeit krank geworden – vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht weil mein Körper spürt, was mein Geist noch zu begreifen versucht. Und nun sitze ich hier, gefangen in einem Raum, in dem Zeit keinen Rhythmus mehr hat.

Ich denke an Bilder. Alte Fotos von meinem Vater, in denen er lacht, sich bewegt, lebt. Ich frage mich, welches Bild als Nächstes kommt. Wird es ein Bild sein, in dem er seine Augen öffnet? In dem er seine ersten Worte nach all dem spricht? Oder eines, das ich nur in meinen Gedanken bewahren kann?
Fotografie fängt Momente ein, um sie unsterblich zu machen. Aber was ist mit den Momenten, die wir vergessen wollen? Die, die zu schwer sind, um sie mit uns zu tragen? Ich habe keine Kamera dabei. Aber mein Kopf speichert jedes Detail, ob ich es will oder nicht.
Aber dann halte ich inne. Die Zukunft ist nicht geschrieben. Das Bild ist noch nicht fertig. Die Farben sind noch nicht gesetzt, die Linien nicht gezeichnet. Vielleicht wird es mühsam, vielleicht braucht es Zeit, aber das Leben hat eine unglaubliche Kraft. Der Körper erinnert sich, kämpft, heilt – oft leiser, als wir es erwarten, aber mit einer Entschlossenheit, die wir nicht immer verstehen.
Bis dahin bleibt mir das Vertrauen. In ihn, in die Ärzte, in das Leben. Manche Bilder brauchen Zeit, um zu entstehen. Aber solange noch Licht da ist, gibt es immer Hoffnung.

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