geschrieben am 03.02.2025
Ein verdammter Flug
Montagmorgen. 5 Uhr. Almaty. Ein Zustand zwischen existieren und nicht existieren. Vier Monate in dieser Stadt, vier Monate als Fotograf in einer Welt, die mich verändert hat. Ich habe versucht, Almaty zu verstehen, habe es durch meine Kamera eingefangen, aber jetzt verlasse ich es. Oder besser gesagt: Ich werde herausgerissen, zurück in eine Welt, die mich nicht interessiert.
Ich sitze in einem verdammten Flugzeug, umgeben von Menschen, deren Leben mich nicht betreffen sollten – aber ich kann nicht anders, als ihre Geschichten zu sehen, ob ich will oder nicht. Vielleicht, weil ich in jedem von ihnen ein Stück von mir selbst erkenne. Oder weil ich nicht schlafen kann und verdammt nochmal nichts Besseres zu tun habe.

Da ist dieser Kerl vor mir, der in sein Handy starrt, als würde er darin eine Bedeutung für sein trauriges Leben finden. Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zu irgendeiner langweiligen Konferenz, um sich von anderen Anzugträgern erzählen zu lassen, wie er effizienter funktionieren soll. Er ist einer von denen, die glauben, sie hätten noch Träume, dabei haben sie ihre Seele längst gegen eine Firmen-Mailadresse eingetauscht. Ich frage mich, ob er jemals wirklich etwas gesehen hat – oder ob er nur von einer künstlichen Welt zur nächsten springt, ohne je innezuhalten.
Zwei Reihen weiter eine Frau mit müdem Gesicht, die sich an einen Mann klammert, als wäre er ihre letzte Hoffnung. Vielleicht ist er es. Vielleicht glaubt sie, dass er die Antwort auf ihre Angst ist, auf ihre Unsicherheit, auf die Leere, die sie nicht zugeben will. Ich wette, er liebt sie nicht einmal wirklich. Er wird irgendwann gehen, und sie wird sich fragen, warum. Dabei hat sie es immer gewusst.
Ein paar Sitze weiter ein Kerl mit breiten Schultern und Tattoos, der so tut, als würde er schlafen. Wahrscheinlich ist sein Leben eine einzige Reihe von Fehlern, die er unter coolen Sprüchen und einer dicken Haut versteckt. Vielleicht war er mal ein Träumer, bis die Welt ihn zerdrückt hat. Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, dass ich ihn verstehe – aber was bringt es? Wir alle tragen unsere Narben, und keiner gibt zu, dass sie noch immer wehtun.
Ein älterer Mann liest eine Zeitung, aber ich sehe, dass er die Worte nicht wirklich aufnimmt. Er blättert, schaut, aber sein Blick geht durch das Papier hindurch. Vielleicht denkt er an das, was er verpasst hat. Vielleicht ist er sich bewusst, dass es für manche Träume zu spät ist. Ich frage mich, ob ich irgendwann so werde. Ob ich eines Tages aufwache und merke, dass alles, was ich wollte, längst verloren ist.
Der Pilot meldet sich mit seiner üblichen leeren Durchsage. Noch ein Mann, der vielleicht einmal geglaubt hat, er würde die Welt erobern, und nun bloß Menschen von A nach B karrt, die sich nicht einmal für seinen Namen interessieren.
Das Flugzeug hebt ab, und für einen Moment gibt es nichts außer das dumpfe Gefühl des Steigens. Ich spüre, wie sich meine Gedanken auflösen, für einen winzigen Augenblick ist es, als würde ich nichts fühlen. Vielleicht fliegen wir genau deshalb – um für einen Moment die Last unseres eigenen Lebens nicht zu spüren. Doch dann kehrt alles zurück.
Und dann frage ich mich: Was, wenn wir einfach nicht ankommen?
Ich sitze hier, schreibe genau diese Worte, während das Flugzeug über eine endlose dunkle Weite fliegt. Die Tasten meines Laptops klappern leise, während um mich herum das monotone Brummen der Triebwerke wie eine Erinnerung daran klingt, dass wir uns alle nur in einer Blechdose durch die Luft bewegen, von Technik und Zufall abhängig.
Was, wenn genau jetzt etwas passiert? Ein Ruck, ein lauter Knall, und plötzlich kippt die Realität. Die Maschine gerät ins Taumeln, Panik bricht aus, Schreie füllen die Kabine. Die Frau, die sich eben noch an ihren Mann geklammert hat, schreit jetzt nach ihrer Mutter. Der Geschäftsmann, eben noch mit seinen Tabellen beschäftigt, betet vielleicht zu einem Gott, an den er vorher nicht glaubte. Der tätowierte Kerl reißt die Augen auf, weil selbst er merkt, dass es für eine coole Fassade zu spät ist.
Und ich? Ich würde mein Laptop festhalten, während es sinnlos ist, als würde ich mich daran klammern, um diesem Moment irgendeine Bedeutung zu geben. Würde jemand meine letzten Worte lesen? Würden sie diesen Text finden, mitten im Chaos, in den Trümmern?
Vielleicht würde die Welt sich fragen, warum dieses Flugzeug abgestürzt ist. Sie würden Theorien aufstellen, Schuldige suchen, Politiker würden betroffene Gesichter machen und dann weitermachen, als wäre nichts passiert. Die Fluggesellschaft würde erklären, dass es ein tragischer Unfall war, eine Verkettung unglücklicher Umstände. Vielleicht würde man neue Sicherheitsmaßnahmen einführen, neue Regeln, die genauso sinnlos sind wie die alten.
Und während sie sich gegenseitig Vorwürfe machen, würde das Leben einfach weitergehen. Die Aktienkurse würden sich erholen, die Schlagzeilen würden sich neuen Themen zuwenden, die Welt würde weiter rotieren, als wäre nichts geschehen. Doch für uns? Für uns gäbe es keine zweite Chance.
Ich schaue aus dem Fenster. Alles sieht so ruhig aus. Und doch weiß ich: Alles kann sich in einer Sekunde ändern. Das ist die Illusion des Lebens – wir glauben, wir hätten Kontrolle, dabei sind wir nur Passagiere auf einer Reise, deren Ziel wir nicht bestimmen können.
Was, wenn wir nie ankommen?

Hinterlasse einen Kommentar