Hüfingen – ein Ort, der mich erdrückt
Ich sitze hier, in diesem kleinen Kaff namens Hüfingen, und alles in mir fühlt sich taub an. Vor einem Monat war ich noch in Almaty, Kasachstan – weit weg, fast in einem anderen Leben. Dann die Türkei. Und jetzt bin ich hier, in einer Stadt, die mich nicht auffängt, sondern erdrückt.
Mein Vater ist vor einer Woche gestorben. Ein Monat lang lag er auf der Intensivstation. Ich ging durch die kalten Krankenhausflure, immer wieder. Neonlicht flackerte, Maschinen surrten. Die Welt da draußen lief weiter, doch in diesem Flur stand alles still. Es war, als würde ich mich durch eine surreale Blase bewegen – meine Gedanken, mein Gefühl, alles wirkte fern. Ich war da, aber doch nicht wirklich.
In der ersten Nacht danach bin ich aufgewacht. Es war dunkel, aber ich spürte diese seltsame Unruhe in mir. Ich zog mich an, ohne nachzudenken, wollte ins Krankenhaus fahren. Mein Kopf war noch immer da – in diesen Fluren, bei ihm. Ich wollte an sein Bett, seine Hand nehmen, ihm sagen, dass ich da bin. Aber als ich die Tür öffnen wollte, kam die Wahrheit wie ein Schlag in den Magen: Er ist nicht mehr da. Ich brauche nicht mehr ins Krankenhaus. Es gibt kein Bett mehr, an das ich mich setzen kann. Keine Hand mehr, die ich halten darf.
Ich stand da, mitten in der Nacht, die Hand an der Tür. Und da kam die Stille. Sie war so laut, dass sie mich fast umgeworfen hätte. Es war der Moment, in dem ich begriff, dass es wirklich vorbei ist. Dass ich ihn nicht zurückholen kann.
Jetzt warten wir. Warten auf die Autopsie, auf Antworten, die mir nichts mehr bringen. Warten auf die Beerdigung, auf einen Abschied, den ich nicht will, aber brauche. Dieses Warten zerreißt mich. Es fühlt sich an, als würde die Zeit absichtlich langsamer laufen, mich zwingen, immer wieder durch diesen Schmerz zu gehen. Ich dachte, nach seinem letzten Atemzug würde der Schmerz seinen Höhepunkt erreicht haben — doch das hier ist schlimmer. Dieses Warten, dieses Nichts. Ich kann nicht loslassen, weil ich nicht mal richtig Abschied nehmen darf.
Ich sehe ihn vor mir, als stünde er noch hier. Ich höre seine Stimme, seine Lacher. Und dann reißt mich die Realität wieder zurück — in diese leere Wohnung, in diese leere Stadt, in dieses leere Ich.
Seine Freunde haben mich gefragt, wann die Beerdigung ist. Sie wollen da sein, wollen ihm die letzte Ehre erweisen. Ich habe sie gesehen — Männer, die ich immer für stark gehalten habe. Männer, die ich bewundert habe, weil nichts sie je aus der Fassung bringen konnte. Und dann sah ich sie weinen. Sie weinten nicht nur. Sie brachen zusammen. So tief, so ehrlich, dass es wehtat, hinzusehen. Ich hätte nie gedacht, dass Schmerz so einen Menschen brechen kann. Sie sind nicht mehr stark. Sie sind nur noch verzweifelt. Genau wie ich.
Hüfingen verstärkt dieses Gefühl nur. Die Straßen sind zu eng, die Luft zu schwer. Jeder Blick aus dem Fenster zeigt mir nicht, was kommt, sondern nur, was fehlt. Ich dachte, nach Almaty und der Türkei würde ich hier vielleicht zur Ruhe kommen. Aber hier ist nichts außer Leere.
Vielleicht ist es nicht Hüfingen. Vielleicht bin ich es. Vielleicht ist es diese unaushaltbare Stille in mir. Alles, was ich weiß, ist, dass ich dieses Warten nicht mehr ertrage. Ich will ihn nicht gehen lassen, aber ich halte es nicht aus, so weiterzumachen. Ich will ihn nicht verlieren — aber ich habe ihn längst verloren.
Und während ich hier sitze und die Zeit stillsteht, frage ich mich, ob mein Herz jemals wieder schlagen wird – oder ob ich in dieser Leere bleiben werde, für immer.

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