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Ein Testament

Ich sitze in Tiflis, Georgien. Diese Stadt ist wie ein abgehalfterter Künstler – schön, kaputt, selbstverliebt und ehrlich. Alles hier zerbricht mit Stil. Häuser bröckeln, Gesichter tragen Geschichten wie Narben, und selbst der Wind riecht nach Stolz und Sünde. Ich liebe das. Ich liebe Orte, die keine Masken tragen. Vielleicht, weil ich selbst nie eine gebraucht habe.

Ich gehe durch die Straßen, beobachte, fotografiere, dokumentiere das Scheitern der Perfektion. Jeder Blick, jedes Fenster, jedes verrostete Geländer hat mehr Seele als jedes deutsche Einfamilienhaus mit Rasenroboter. Ihr wisst schon, diese Gräber auf Raten, in denen Menschen wohnen, die glauben, sie hätten das Leben verstanden, weil sie den Müll getrennt und die Steuer gemacht haben. Ich war einer von ihnen. Verheiratet, brav, funktionierend.
Sie war Steuerfachwirtin. Berechnend, korrekt, vorhersehbar. Ich kannte ihr Gesicht in- und auswendig – das Gesicht der Normalität. Heute bin ich dankbar, dass es vorbei ist. Ich hätte sonst vergessen, wie Freiheit riecht.

Jetzt lebe ich zwischen Staub und Licht. Zwischen Chaos und Bedeutung. Ich bin Fotograf, nicht Tourist. Ich nehme keine Bilder mit, ich hinterlasse welche. Ich fotografiere das, was echt ist – und das, was euch Angst macht: Wahrheit. Ich brauche keine Bühne, keine Likes, keine Genehmigung. Ich bin das Gegenteil von gefällig. Ich bin der Beweis, dass Kunst nichts mit Harmonie zu tun hat.

Hier in Tiflis fotografiere ich Menschen, die sich nicht schämen. Alte Männer, junge Frauen, müde Augen. Körper, die Geschichten erzählen, die keiner hören will. Ich fotografiere nicht, um zu gefallen. Ich fotografiere, um zu entlarven. Und während ihr auf euren Sofas hockt, euch über Strompreise beschwert und Netflix pausiert, halte ich Leben fest – ungeschminkt, roh, echt.

Ich denke manchmal über mein Testament nach. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung. Wenn ich eines Tages verschwinde, bleiben meine Festplatten. Mehr brauche ich nicht. Keine Kinder, kein Haus, kein Name auf einem Stein. Nur Speicher – gefüllt mit meiner Wahrheit. Fashion Weeks, Softporn, Kunst. Bilder, die euch schockieren werden, weil sie zeigen, was ihr verdrängt: Schönheit in Scham, Würde im Dreck, Sehnsucht in Sünde.

Ich habe in Galerien ausgestellt, ja. Ich habe Applaus gehört, von Menschen, die nur klatschten, weil sie sich selbst im Spiegel meiner Arbeit sahen und es nicht zugeben wollten. Ich habe Kunst verkauft, aber nie mein Gewissen. Ich habe provoziert, weil Stillstand die Krankheit der Durchschnittlichen ist.

Ich weiß, dass die Welt mich erst verstehen wird, wenn ich nicht mehr da bin. Vielleicht nennt man mich dann „visionär“, vielleicht „verrückt“. Vielleicht verbrennt man meine Arbeit, vielleicht hängt sie irgendwann in weißen Räumen zwischen Sektgläsern und Doppelmoral. Mir egal. Meine Bilder werden bleiben. Sie sind mein Testament.

Denn ich habe das Licht gezähmt, das euch blendet. Ich habe gesehen, was ihr nicht sehen wollt, und festgehalten, was ihr nie begreifen werdet. Ich war nie bescheiden, nie brav, nie einer von euch.

Und wenn irgendwann jemand meine Festplatten öffnet, dann wird die Welt verstehen, dass ich nie Fotograf war.
Ich war der Beweis, dass Wahrheit pornografischer ist als jeder Körper.

Denn ich habe nie mit der Kamera gearbeitet, ich habe mit der Seele operiert.

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