Ich sitze auf meinem Balkon im 11. Stock in Tiflis, rauche langsam meine Zigarette und beobachte wieder dieses riesige Hochhaus gegenüber, in dem sich meine Fantasie wie ein schlecht erzogenes Haustier austobt. Während die Stadt unter mir rauscht, frage ich mich in aller Arroganz, ob die zwei Frauen aus dem 23. und 20. Stock jemals mehr sein werden als Silhouetten in meinem täglichen Gedankentheater. Ich weiß, dass sie meine Blicke längst bemerkt haben, und ich weiß ebenso gut, dass sie dieses Spiel genauso genießen wie ich, auch wenn keiner von uns den Mut hat, es offen zuzugeben.

Die Tänzerin im 23. Stock bewegt sich bewusst im warmen Licht ihres Fensters, und ich sehe ihr an, dass sie genau versteht, wie ein Fotograf denkt. Jeder Schritt, jede Drehung und jeder Schatten, der über ihren Körper gleitet, wirkt, als hätte sie ihn nicht nur für sich selbst, sondern auch für mich choreografiert. Ich stelle mir vor, wie ich mit ihr arbeiten würde, mit hartem Seitenlicht, mit roher Energie und mit einer Freiheit, die nur entsteht, wenn jemand keine Angst davor hat, gesehen zu werden. Ich weiß, dass sie starke, ungeschönte Bilder liefern würde, die kein Make-up und keine Pose nötig hätten.
Die Frau im 20. Stock ist das Gegenteil. Sie zeigt keine Bewegung, sondern Präsenz. Sie steht am Fenster, als würde sie mich absichtlich herausfordern, und sie hält meinen Blick länger, als jede höfliche Regel es erlauben würde. Ich kann mir mit ihr Porträts vorstellen, die leise, aber schmerzhaft ehrlich sind, Porträts, die nicht nur ihr Gesicht zeigen, sondern ihre Haltung, ihren Charakter und diese stille Dominanz, die sie mit jedem Blick ausstrahlt. Sie ist jemand, der nicht nur fotografiert wird, sondern entscheidet, was der Fotograf von ihr bekommt.

Während ich die beiden Frauen beobachte, tauchen am Rand meiner Wahrnehmung auch die anderen Bewohner auf, die in diesem Hochhaus ihr alltägliches Schauspiel spielen. Der Mann mit seinem Hund zieht jeden Abend denselben Kreis auf dem Balkon, die Frau mit ihren endlosen Videokonferenzen redet wie eine kaputte Maschine, der Fitnessfanatiker trainiert seinen Körper, als wäre jemand hinter ihm her, und die zwei Kiffer im siebten Stock hängen wie ausgebrannte Lampen in der Luft. Sie alle sind Statisten in einer Kulisse, die eigentlich nur dafür existiert, meine Aufmerksamkeit auf zwei bestimmte Fenster zu lenken.

Ich frage mich, ob es jemals zu einem wirklichen Kontakt zwischen uns kommen wird. Vielleicht wird es ein Blick sein, der zu tief geht, oder eine Geste, die zu eindeutig ist. Vielleicht wird die Tänzerin eines Abends den Vorhang öffnen und mich direkt ansehen, so als wollte sie mich wortlos auffordern, endlich zu reagieren. Vielleicht wird die Frau im 20. Stock irgendwann abends einfach am Fenster stehen bleiben und mir mit ihrer bloßen Stille zu verstehen geben, dass dieses Spiel längst eine andere Ebene erreicht hat.
Doch gleichzeitig weiß ich, dass meine Zeit hier begrenzt ist. Bald werde ich in ein anderes Land ziehen, in eine andere Gegend, in ein neues Hochhaus mit neuen Gesichtern, neuen Fenstern und neuen Geschichten, die ich beobachten, analysieren und in meinen fotografischen Gedanken weiterdrehen werde. Manchmal frage ich mich, ob Hochhäuser nicht einfach gigantische, vertikal übereinandergestapelte Bühnen sind, auf denen Menschen ihre Rollen spielen, ohne zu wissen, dass sie gesehen werden. Vielleicht sind es Monumente der Einsamkeit, oder vielleicht sind es Sammlungen von Möglichkeiten für diejenigen, die hinschauen können.
Ich erkenne, dass ich jede neue Stadt immer zuerst über ihre Fenster lese. Ich analysiere die Körperhaltungen, die Schatten, die Routinen und die kleinen Gesten, die Menschen unbewusst zeigen. Vielleicht bin ich ein Voyeur, vielleicht ein Visionär oder vielleicht einfach ein Fotograf, der nicht aufhören kann, Menschen in Geschichten zu verwandeln, die sie selbst nicht kennen.

Ob es einen Kontakt geben wird, ist ungewiss. Vielleicht bleibt alles in diesem stillen, elektrischen Zwischenraum hängen, in dem jeder von uns weiß, dass da etwas ist, das aber niemand benennt. Vielleicht ist genau diese Distanz die ehrlichste Form von Nähe, die ein Hochhaus zulässt. Und vielleicht reicht es am Ende schon, dass wir uns alle einmal gegenseitig erwischt haben – in einem Moment, der echter war als vieles, was Menschen einander in der Realität sagen.
Wenn ich weiterziehe, werde ich wieder neue Fenster finden. Aber diese zwei Frauen werden für mich immer die Erinnerung bleiben, dass manche Geschichten nicht passieren müssen, um real zu sein. Ich habe sie gesehen, sie haben mich gesehen, und manchmal ist das genug, um eine ganze Stadt in meinem Kopf zum Leuchten zu bringen.




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