..der für Tiflis fast zu großzügig ist
Tiflis. Drei Wochen habe ich dieser Stadt meine Anwesenheit gegönnt — und ja, das Wort gegönnt ist bewusst gewählt. Während sich halb Europa noch fragt, ob Georgien „europareif“ sei, habe ich längst das getan, wozu den meisten der Mut fehlt: Ich habe die Stadt in ihrer entblößten Realität gesehen. Nicht die renovierten Fassaden, die man Touristen wie ein Feigenblatt präsentiert. Nicht diese lächerliche, gefilterte „Authentizität“, die Influencer mit traurigem Latte Art inszenieren. Nein — ich habe das fotografiert, was man in Europa maximal in Dokumentationen um 23:45 Uhr sieht, wenn die braven Bürger schon schlafen: rohe, schamlose Wahrheit.






Gesichter, die nicht lächeln müssen, um zu existieren. Hände, die nicht posieren können, weil sie zu müde sind. Geschichten, die nicht „erzählt werden wollen“, sondern sich einfach über dich stülpen, ob du bereit bist oder nicht. Das ist Fotografie — nicht dieses abgestandene Posing, das europäische Augen inzwischen für „Kunst“ halten.


Die Frauen dieser Stadt… sie kamen nie absichtlich ins Bild.
Sie glitten hinein wie ein Gedanke, den man nicht haben sollte, aber trotzdem hat.
Ein Lächeln, das sich anfühlt wie ein unerwarteter warmer Wind zwischen Betonwänden.
Ein Blick, der dich zögert, weil du plötzlich bemerkst, wie laut dein eigener Atem klingt.


Es waren diese Mikrosekunden, die mich erwischt haben.
Ein kurzer Augenaufschlag, der nicht flirtet und trotzdem etwas sagt.
Eine Schüchternheit, die nicht aus Unsicherheit entsteht, sondern aus Kontrolle.
Als würden sie mir damit sagen: Ich sehe dich, Fotograf. Mehr als du denkst.
Und ich?
Ich stand da mit einer Kamera, die Beton einfangen sollte — und ertappte mich dabei, wie meine Gedanken weicher wurden, während meine Umgebung hart blieb.
Wie ich plötzlich darüber nachdachte, wie fragil ein Moment wird, wenn ein Lächeln ihn berührt.
Wie viel Nähe in einem zufälligen Blick liegen kann, bevor er wegrutscht und nichts mehr ist als Erinnerung.


Diese Frauen waren die Art Zwischenraum, die man nicht planen kann.
Ein kleiner Bruch im grauen Rhythmus der Stadt.
Ein flüchtiges Vielleicht, das in mir Vibrationen auslöste, obwohl ich eigentlich nur Strukturen dokumentieren wollte.
Manchmal kam es mir vor, als würden sie mich aus meinen eigenen Bildern herausziehen — mich kurz von meiner Vision entfernen, nur um sie dann schärfer zurückzugeben.


Und während Georgien krampfhaft versucht, in die EU zu hüpfen wie ein Schüler in den Turnbeutel eines anderen, steht Russland daneben und beobachtet alles, als würde es entscheiden wollen, ob es gleich applaudiert oder zuschlägt. Beide Seiten überschätzen ihre Rolle grandios. Ich hingegen? Ich war nur hier, um die Wahrheit einzusammeln. Und ich habe sie bekommen. In Mengen, die andere nicht mal verdauen könnten.

Jetzt gehe ich. Nicht weil Tiflis mich überfordert hätte — bitte, dazu bräuchte es deutlich mehr als ein paar politische Komplexe und bröckelnde Fassaden. Ich gehe, weil ich meinen Stoff habe. Weil meine Kamera genug gesehen hat, um die nächsten Monate zu verdauen.


Und jetzt kommt der Teil, der die Leute immer neugierig macht: Wohin es geht.
Bevor ich weiterziehe in ein Land, das gefährlicher, ehrlicher und gnadenloser ist als Tiflis es je sein könnte, mache ich einen Zwischenstopp. In der Türkei. Nicht, weil ich „Urlaub“ mache — ich bin kein Influencer mit zu viel Freizeit und zu wenig Inhalt. Ich gehe dorthin, weil ich dort Dinge zu erledigen habe. Dinge, die man nicht ankündigt. Dinge, die man macht. Dinge, über die man später vielleicht schreibt — oder auch nicht. Die Türkei ist mein Transitpunkt. Mein Ladegerät. Ein Ort, an dem die Vision sich nachschärft, bevor ich sie loslasse.


Denn der eigentliche Weg führt mich weiter — in eine Region, in der Geschichten nicht warten, bis du die Kamera einschaltest. Wo jede Straße, jeder Rauchschleier, jeder Augenblick dir zeigt, dass Tiflis nur ein milder Vorspeisengang war. Dorthin, wo Fotografie nicht romantisiert, sondern überlebt wird. Wo jede Aufnahme ein Risiko ist. Wo man nicht fragt: „Kannst du das bitte nochmal machen?“ — weil man weiß, dass es keinen zweiten Versuch gibt.
Ich verlasse Tiflis nicht mit Wehmut. Ich verlasse es mit einem wissenden Lächeln.
Weil ich dorthin gehe, wo echte Vision entsteht.
Und Tiflis?
Sei froh, dass ich überhaupt hier war.
all photos © JUAN FELIPE
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