..auf vergessene Imperien: Warum der Dry Bridge Market, mehr Wahrheit zeigt als Instagram.
Sowjetische Gespenster, analoge Wahrheit und der lächerliche Zustand der modernen Fotografie
Heute war ich auf dem Dry Bridge Market in Tiflis, einem Ort, an dem die Vergangenheit nicht ausgestellt, sondern einfach hingelegt wird. Der Markt ist kein nostalgischer Flohmarkt. Er ist ein archäologisches Schlachtfeld, auf dem die Reste eines untergegangenen Imperiums in der Sonne bröckeln.


Zwischen alten sowjetischen Offiziersabzeichen, Medaillen, Gas- und Geigerzählern, vergilbten Parteibüchern und Familienfotos, die einmal in einer Schublade irgendwo in der UdSSR lagen, erkennt man sofort, wie tief die Geschichte hier sitzt. Georgien war Teil eines Systems, in dem Kontrolle und Pathos wichtiger waren als Menschen. Und ironischerweise hat genau dieses System Dinge geschaffen, die heute ehrlicher wirken als jede Instagram-Täuschung.


Während Touristen mit glänzenden Augen auf Lenin-Büsten zeigen, die sie ohnehin nicht verstehen, kam ich zu dem einzigen Objekt, das wirklich Bedeutung hatte: eine 155x Instamatic Kamera. Sie lag dort wie ein vergessener Gedanke. Ein Werkzeug, das früher genutzt wurde, um echte Momente festzuhalten, lange bevor Menschen anfingen, ihre Gesichter totzufiltern und ihre Persönlichkeit durch Filter zu ersetzen.

Der Verkäufer hatte keine Ahnung, was er da verkaufte. Aber das ist typisch für diesen Markt: Die Menschen dort verkaufen die Geschichte, ohne sie lesen zu können. Ich kaufe sie, weil ich die Lücken erkenne, die darin offen herumliegen.
Während ich weiterging, hielt ich meine Kamera in der Hand und betrachtete alte sowjetische Schwarz-Weiß-Fotografien. Männer mit starrer Miene blickten hinein, als wüssten sie, dass ihr ganzes Leben protokolliert wird. Frauen saßen in Küchen, deren Tapeten mehr Geschichten erzählen als die meisten modernen Reisefotografen. Auf jedem Bild lag diese Mischung aus Härte und Normalität, die vollkommen ungekünstelt war. Keine Posen, keine Selbstdarstellung, keine digitale Maskerade.
Und genau deshalb werde ich ab jetzt wieder mehr analog fotografieren.
Nicht, weil es „cool“ ist.
Nicht, weil Film plötzlich Trend ist.
Sondern weil analog mich zwingt, wirklich zu sehen.
Digitale Fotografie ist bequem geworden.
Du drückst zehnmal ab, löscht neun Bilder und tust dann so, als sei das übriggebliebene Ergebnis Talent.
Analog dagegen ist brutal ehrlich. Es lässt dich nicht schummeln. Es stellt dich bloß, wenn du nicht weißt, was du tust.
Ich will fotografieren, nicht simulieren.
Ich will Momente einfangen, nicht Content produzieren.
Ich will Fehler machen, die echte Bedeutung haben, nicht Pixel glätten, bis nichts mehr lebt.
Dieser Markt hat mich daran erinnert, dass Fotografie eine Form von Archäologie ist. Man holt das Wahre aus dem Vergrabenen. Und nichts ist ehrlicher als Film.
Analog ist kein Rückschritt. Analog ist die Weiterentwicklung einer Kunst, die die digitale Generation nicht einmal mehr versteht.





alle photos © JUAN FELIPE
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