…außer Kontrolle: Wie Europa seine Ghettos selbst gebaut hat
Ich sitze hier auf meinem Balkon in Side, Türkei. Die Sonne brennt mir angenehm ins Gesicht, das Meer rauscht im Hintergrund, und während ich mein Archiv durchsehe, springt mir dieser eine Ordner ins Auge: Die Fotos aus dem Jahr 2014, die ich im berüchtigten Marseille Quartier Nord aufgenommen habe. Während ich meinen Kaffee trinke, wird mir klar, dass ich endlich darüber schreiben muss. Nicht weichgespült. Nicht höflich. Sondern so, wie es wirklich ist – provokant, arrogant und brutal ehrlich.
Denn das, was ich damals gesehen und dokumentiert habe, war kein Zufall. Es war nicht das Produkt einer spontanen urbanen Fehlentwicklung. Es war das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen, ignorierter Warnsignale und moralischer Selbstüberschätzung. Politiker wie Nicolas Sarkozy, François Hollande, Manuel Valls, Jean-Marie Le Pen, Marine Le Pen, Angela Merkel, Nicolas Schmit, David Cameron, Matteo Renzi, Mark Rutte oder Keir Starmer – sie alle haben auf unterschiedliche Weise dazu beigetragen, dass Europa ein Integrationsmodell geschaffen hat, das eher einem Brandbeschleuniger als einer Lösung ähnelt.



Die Liste der Orte ist längst ein europäisches Inventar des Wegschauens:
Marseille Nord. Saint-Denis. La Courneuve. Molenbeek. Neukölln. Rotterdam Zuid. Birmingham Handsworth.
Es sind keine „Problemviertel“. Es sind politische Bauwerke.
Betonierte Monumente einer europäischen Idee, die nie realistisch war.
Europa hat Ghettos nicht nur hingenommen – Europa hat sie gebaut.
Ich erinnere mich noch an die Straßen im Quartier Nord. Ich sah Waffenhandel, der dort so normal war wie ein Wochenmarkt in einer deutschen Kleinstadt. Ich sah Drogenküchen, die effizienter organisiert waren als manche staatliche Behörde. Ich sah Jugendliche, die mit 14 Jahren verkauften, dealten und überlebten – aber nie gelernt hatten, wie man eine echte Chance bekommt. Ich sah Familien, die seit drei Generationen in denselben Blöcken feststecken, während Politiker in Paris, Berlin oder Brüssel über „gelungene Integration“ philosophierten.




Doch bevor ich weitererzähle, muss eines deutlich ausgesprochen werden:
Journalisten und Fotografen sind im Quartier Nord nicht erwünscht.
Sie werden nicht akzeptiert. Sie werden nicht toleriert.
Wer mit einer Kamera hineinläuft, muss damit rechnen, entführt zu werden – oder erschossen. Das ist dort kein Szenario aus einem schlechten Film, sondern eine realistische Möglichkeit. Könnt ihr Google fragen.
Dass ich lebend – und mit meinen Bildern – wieder aus diesem Viertel herausgekommen bin, hatte nichts mit Glück zu tun. Ich bin nicht mit einem moralischen Zeigefinger hineinmarschiert. Ich bin nicht als europäischer Missionar aufgetreten, der alles besser weiß.
Ich bin ohne Vorurteile hineingegangen, ohne Überheblichkeit, ohne diese arrogante westliche Haltung, die so viele Außenstehende sofort entlarvt.
Ich wollte ihre Geschichte sehen – durch ihre Augen, nicht durch die meinen.
Und genau das hat mir Zugang verschafft, den andere niemals bekommen hätten.









Währenddessen fragt die Politik scheinheilig:
„Wie konnte das nur passieren?“
Was zum Teufel hat sich die Politik eigentlich gedacht?
Dass Integration funktioniert, wenn man Menschen isoliert?
Dass sozialer Aufstieg gelingt, wenn man ihn systematisch unmöglich macht?
Dass Chancen entstehen, wenn man ganze Viertel aufgibt?
Sarkozy predigte „Law and Order“, während die strukturelle Vernachlässigung weiterging.
Hollande versprach soziale Gerechtigkeit, während Saint-Denis im Chaos versank.
Merkel redete von „Willkommenskultur“, aber überließ ganze Stadtteile sich selbst.
Cameron forderte „Community Cohesion“, während in Birmingham Parallelwelten wuchsen.
Rutte lobte niederländische Toleranz, während Molenbeek und Rotterdam Zuid kollabierten.
Diese Politiker stellen sich heute vor die Kameras und tun so, als seien sie überrascht von den Folgen ihres eigenen Nichthandelns.
Man predigt ständig, Integration beginne beim Erlernen der Sprache.
Wie erbärmlich oberflächlich.
Integration beginnt nicht bei der Sprache allein.
Integration beginnt mit Respekt, mit fairen Chancen, mit urbaner Durchmischung, mit funktionierenden Schulen, mit sozialer Teilhabe und mit der Bereitschaft, Probleme nicht einfach in städtische Randzonen abzuschieben.
All das wurde bewusst vernachlässigt – aus Bequemlichkeit, aus Feigheit, aus politischem Kalkül.
Brüssel, Paris, Berlin und London feiern sich selbst, weil irgendwo ein Integrationskurs stattfindet. Gleichzeitig verrotten ganze Viertel unter der Last jahrzehntelanger Ignoranz. Das ist keine „Herausforderung“. Das ist eine europäische Apartheid, verpackt in Bürokratie, begleitet von moralischem Übermut.
Wenn ich ehrlich bin – und genau das bin ich – dann hat die Politik nicht einfach versagt.
Versagen würde immerhin bedeuten, dass man es versucht hat.
Europa hat es sich bequem gemacht.
Man hat Migranten in Viertel wie Marseille Nord gesteckt und gehofft, dass sie dort unsichtbar bleiben.
Die europäischen Eliten wollten die schönen Erzählungen behalten – und die Realität auslagern.

Heute stehen diese Viertel als Mahnmal da.
Sie sind ein Spiegel der europäischen Heuchelei.
Sie sind Orte, an denen Drogen, Waffen, Clans und Perspektivlosigkeit längst Alltag sind.
Sie sind lebende Beweise dafür, dass man Probleme nicht löst, indem man sie geographisch wegsperrt.
Und jetzt sitze ich hier in Side, mit Sonne im Gesicht und Meeresrauschen im Hintergrund, und schaue auf meine Bilder zurück.
Ich habe dokumentiert, was Europa nicht sehen will.
Ich habe die Menschen fotografiert, deren Realität auf keinem Wahlplakat auftaucht.
Ich habe festgehalten, was man jahrzehntelang ignoriert hat.

Dieses Experiment war nie kontrollierbar.
Es war nie klug.
Es war nie fair.
Aber es war politisch bequem.
Und genau deshalb hat Europa seine Ghettos selbst gebaut.
Jemand muss das endlich sagen – provokant, arrogant und ohne Rücksicht auf die empfindliche Selbstinszenierung eines Kontinents, der seine eigenen Fehler lieber unter Beton begräbt als sie zu akzeptieren.
all photos by JUAN FELIPE
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