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Ein Rückblick

..der weh tut: Was Istanbul verbirgt, wenn du abseits der Postkartenmotive läufst.

Nachdem ich über das Problemviertel von Marseille, das berüchtigte Quartier Nord, berichtet hatte, dachte ich eigentlich, ich hätte die dunkelsten Ecken Europas gesehen. Beton, Drogen, verlorene Seelen – das ganze Programm. Ich war gerade dabei, mein Archiv durchzuwühlen, einfach aus einer Laune heraus, weil ich wissen wollte, wie weit ich in den letzten Jahren gekommen war.

Und dann passierte es: Ich stieß auf die Bilder von Istanbul Tarlabaşı, 2014.
Zehn Jahre alt. Zehn Jahre staubige Realität, eingefroren in Frames, die ich selbst fast vergessen hatte – oder vergessen wollte.

Ich sah die Fotos, und sofort wusste ich:
Es ist Zeit, darüber zu schreiben. Zehn Jahre später. Ehrlicher denn je.

Denn Tarlabaşı ist kein Bezirk – es ist ein Schlund, der dich verschluckt, sobald du die ersten Schritte machst.
Und anders als in Marseille, wo man als Fotograf zumindest halb akzeptiert wird, wirst du hier betrachtet wie eine Bedrohung, ein Spion, ein Problem, das man lösen muss, bevor es irgendwas veröffentlicht.

Und ja – ich wurde verhaftet. Warum? Weil ich nicht brav genug war. Weil ich zu tiefgebohrt habe. Weil ich dorthin gegangen bin, wo die Polizei lieber keine Zeugen hat.

Während ich durch die Straßen lief, gab es gerade eine Großrazzia. Perfektes Timing, oder?
Ich – der Fotograf, der unbedingt alles sehen will.
Tarlabaşı – der Ort, der keine Zeugen duldet.
Die Polizei – die gerade entschlossen war, niemandem zu trauen.

Und so fand ich mich in einer Zelle wieder, mit genau einem erlaubten Anruf.
Ich rief Hakan Ervan an.
Und zwischen den Zeilen – ohne großes Drama – war er der Einzige, der mich da rausholen konnte.
Ein Mann, der damals zu viele Kontakte nach oben hatte, zu viele Türen öffnen konnte, die für normale Menschen verschlossen blieben.
Ich habe ihn immer aufgezogen, dass er wohl für den MIT arbeitet – den türkischen Geheimdienst. Keiner weiß, ob es stimmte. Ich werde es nie erfahren.

Aber an diesem Tag?
An diesem Tag war genau das mein Glück.

Der Emniyet Müdürü – für deutsche Leser: der Polizeichef – kam persönlich.
Er holte mich aus der Zelle, sah mich an, als wäre ich ein dummer Junge, der gerade beim Feuerlegen erwischt wurde, und sagte nur:

„Du läufst ab jetzt hinter unseren Polizisten. Du machst deine Aufnahmen mit ihnen. Jeder Schritt von dir wird kontrolliert.“

Kein Lachen. Kein Schulterklopfen.
Nur ein eiskalter Blick, der sagte: Wenn du wieder allein gehst, wirst du hier nicht noch einmal so leicht rauskommen.

Und dann war da Tarlabaşı – ungeschönt, brutal, ehrlich.
Die Kinder, die mit Ideologien aufwachsen, die ihnen die Zukunft schon im Voraus stehlen.
Die PKK, die DHKP-C – primitive, kaputte Gedankengebäude, die niemals irgendjemanden überzeugen werden. Gruppen, die glauben, sie könnten mit Gewalt und stumpfer Propaganda ein Land verändern. Lächerlich. Dumm. Realitätsfern.

Was mich wirklich getroffen hat?
Die Kinder.
Weil sie nicht wählen können, wo sie aufwachsen.
Und weil man ihnen schon früh ein Weltbild aufzwingt, das sie gefangen hält wie ein Käfig aus Beton und Parolen.

Und während all das passiert, während Tarlabaşı mich anspuckt wie ein Stück Kaugummi, trage ich eine Kamera, die mehr Geschichte in sich hat als jeder dieser Blocks: Hakan’s Kamera.
Sein einziges Erbe, das ich bis heute benutze.
Nicht, weil ich keine bessere kaufen könnte – die könnte ich problemlos.
Sondern weil sie mir mehr Wert ist als jede neue Technik.
Es ist eine Verbindung, die ich nicht erklären muss.
Sie ist einfach da.

Istanbul ist nicht die Stadt der Bosporus-Brücke, des Taksim-Platzes oder der bunten Influencer-Videos.
Istanbul ist kalt.
Istanbul ist brutal.
Istanbul kaut dich durch und spuckt dich als jemand völlig anderen wieder aus.

Aber ich bin Visionär.
Ich will alles sehen.
Ich will die Geschichten erzählen, die andere nicht mal erkennen.
Ich will die Wahrheit zeigen – auch wenn sie weh tut.
Auch wenn sie zerstört. Und egal wo ich bin, egal wie hart eine Stadt mich tritt oder verschluckt:
Ich komme immer wieder raus. Mit meinen Bildern. Mit meiner Wahrheit.

all photos by JUAN FELIPE

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