…der Wahrheit: Warum meine Pläne in Beirut scheitern mussten
Beirut ist eine Stadt, die Erwartungen zerbricht. Wer glaubt, man könne hier mit einem klaren Drehbuch, fertigen Bildvorstellungen oder gar einem romantisierten Konzept von „urbaner Fotografie“ ankommen, der hat Beirut nicht verstanden. Und das ist grundsätzlich der Fehler der meisten Menschen weltweit: Sie halten den Libanon für eine Gefahr, für eine Risk-Zone, für einen Ort, an dem man lieber nichts riskiert. Während sie gleichzeitig nichts – wirklich nichts – über dieses Land wissen. Vorurteile ersetzen Wissen, Mut wird durch Misstrauen ersetzt, und die Wahrheit wird durch Schlagzeilen erstickt.
Ich gehe nie mit Vorurteilen an einen Ort. Ich gehe dorthin, um zu leben, zu fühlen, zu sehen und zu verstehen. Ich gehe dorthin, um mit den Menschen zu sprechen, ihre Realitäten zu hören und sie mit meiner Kamera zu dokumentieren – nicht aus Distanz, sondern im direkten Erleben.

Die Explosionen von 2020 sind hier kein abgeschlossenes Kapitel. Sie sind kein historischer Punkt. Sie sind kein „Ereignis“, das man im Westen zwei Tage lang teilt, bevor man wieder zu seinem Alltag übergeht. Die Explosion war eine Vernichtung. Eine gewaltsame Zäsur. Eine Detonation, die nicht nur Hafenanlagen, Viertel und Gebäude pulverisiert hat, sondern das innere Gleichgewicht einer ganzen Stadt. Die Druckwelle hat Körper zerrissen, Familien vertrieben, Träume ausgelöscht – und gleichzeitig eine unfassbare Widerstandskraft freigelegt, die man nur versteht, wenn man hier steht.

Beirut trägt die Explosion nicht als Trauma, sondern als unauslöschliche Wahrheit. Sie ist in die Fassaden eingraviert. Sie steckt in jedem Gespräch, in jedem Blick, manchmal in der Stille und manchmal in der Lautstärke. Menschen hier erinnern sich nicht, sie leben damit. Die Narben sind nicht vergangen, sie sind Gegenwart.






Und genau deshalb hat Beirut mich anders getroffen, als ich es jemals hätte planen können.
Ich kam als Fotograf hierher, mit klaren Bildern in meinem Kopf. Ich hatte konkrete Pläne, konkrete Visionen, konkrete Vorstellungen davon, was ich einfangen wollte. Ich sah diese Fotografien bereits, bevor ich überhaupt landete. Doch Beirut hat mir sofort bewiesen, dass die Realität hier mächtiger ist als jede Vision, die man im Kopf trägt. Meine Pläne haben nicht funktioniert – kein einziger. Die Stadt hat mein Konzept zerlegt, bevor ich es überhaupt umsetzen konnte.
Ich kann nicht einmal schreiben, was ich ursprünglich vorhatte. Nicht, weil es unwichtig wäre. Sondern weil es noch geheim ist – und weil ich genau weiß, dass es scheitern würde, sobald ich es öffentlich mache. Manche Projekte müssen im Verborgenen reifen, sonst sterben sie. Und Beirut ist ein Ort, der Geheimnisse nur dann akzeptiert, wenn man sie schützt.
Ich bin noch hier. Mitten in Beirut. Nicht als Beobachter aus sicherer Distanz, sondern im direkten Kontakt mit dieser Stadt, mit ihren Straßen, ihren Stimmen, ihren Wunden.


Was ich aber sagen kann, ist dies: Sobald ich gehe, ich werde wiederkommen. Mit absoluter Sicherheit. Sehr bald. Denn die Bilder, die ich hier nicht machen konnte, lassen mich nicht los. Ich werde zurückkehren, weil ich weiß, dass dieser Ort mich fotografisch herausfordert wie kein anderer. Beirut löscht Visionen aus – aber nur, um neue, bessere, wahrhaftigere entstehen zu lassen.
Die Menschen hier sind nicht das, was man ihnen nachsagt. Sie sind nicht die Gefahr, die Welt in ihnen sehen will. Sie sind die Konsequenz einer Stadt, die explodiert wurde, überlebt hat und trotzdem weiterhin lebt. Sie sind Stärke, Menschlichkeit, Unverfälschtheit. Wer Beirut ohne Vorurteile begegnet, begegnet einer Wahrheit, die man sonst nirgends findet.
Ich höre zu. Ich beobachte. Ich dokumentiere. Und ich komme wieder.
Beirut hat meine Pläne zerstört – und mir gleichzeitig gezeigt, warum ich überhaupt fotografiere.
All Photos by JUAN FELIPE
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