..jenseits der Gegenwart – oder warum echte Models eine Frage der Zeit waren.
Es gab eine Epoche, in der Modelsein kein Zustand war, sondern ein Übergang. Eine Phase zwischen Unschuld und Kalkül, zwischen Hoffnung und Verschleiß. Models waren keine Marken, sondern Rohmaterial. Unfertig. Gefährlich. Interessant. Die Berliner Fashion Week war damals ein Ort der Verdichtung: Hier entschied sich, wer Form annimmt – und wer zurückfällt ins Nichts. Ich habe dort Laufsteg fotografiert, für Hochglanzmagazine, in einer Zeit, in der ein Bild noch Urteil war, kein Vorschlag. Und ja: Damals waren dort noch echte Marken. Häuser mit Geschichte, Budgets, Geduld und Macht. Keine Attrappen mit Mission-Statement.




Die richtigen Models von damals waren keine Ikonen. Sie waren Projektile. Viele begannen als irgendwelche Mädchen, ohne Sprache für das, was sie wollten. Genau deshalb waren sie brauchbar. Heute sind einige davon gute Freundinnen. Einige verheiratet. Einige verschwunden. Einige wenige haben Karriere gemacht – aber nur jene, die begriffen haben, dass Durchhalten eine existenzielle Entscheidung ist. Nicht die Schönsten, nicht die Lautesten. Die Konsequenteren.
Heute hingegen sind Models fertige Produkte, bevor sie überhaupt gelebt haben. Sie kommen mit Strategie, Community und Erwartungshaltung. Sie wollen gesehen werden, nicht geformt. Likes sind ihre Existenzberechtigung, Content ihre Identität. Sie verwechseln Sichtbarkeit mit Bedeutung und Reichweite mit Reife. Das ist kein Vorwurf, das ist ein Symptom. Eine Generation, die glaubt, das Spiegelbild sei bereits das Selbst.

Ich habe auf der Berliner Fashion Week fotografiert, als der Laufsteg noch eine Prüfung war. Für Hochglanzmagazine, die keine Rücksicht kannten. Damals war ein Bild kein freundlicher Kommentar, sondern ein endgültiges Dokument. Es blieb. Es entschied. Und wer dort nicht funktionierte, hatte keinen zweiten Akt. Das war brutal – aber ehrlich. Und Ehrlichkeit ist immer grausam gegenüber denen, die sich noch nicht kennen.
Mein Eintritt in diese Welt war kein Schicksal, sondern Selektion. Zwei Redakteurinnen – zwei Frauen mit Instinkt und Macht – haben mich auf eine Berliner Party gebracht, die mehr Wahrheit enthielt als jede Podiumsdiskussion. Dort wurde nicht erklärt, dort wurde gelesen. Menschen, Blicke, Potenziale. Große Marken, kalte Räume, klare Erwartungen. Ich habe nicht teilgenommen, ich habe bestanden.


Meine Vision heute ist keine nostalgische. Nostalgie ist etwas für Menschen, die abgeschlossen haben. Ich denke weiter. Ich sehe eine Branche, die sich selbst archiviert, während sie noch läuft. Eine Fashion Week, die sich permanent erklärt, weil sie nichts mehr voraussetzt. Der Laufsteg ist tot, weil er nichts mehr riskiert. Backstage lebt noch etwas. Dort, wo Kontrolle bröckelt. Wo Masken verrutschen. Wo man erkennt, wer schon verstanden hat, dass Schönheit nur der Eintrittspreis ist – nicht das Ziel.
Ich will keine Bilder machen, die gefallen. Gefallen ist das Ziel der Austauschbaren. Ich will Bilder machen, die bleiben. Die das wahre Modelleben zeigen: Agenturen, die nach außen Sicherheit verkaufen und innen Druck verwalten. Aufträge, die auf Hochglanz glänzen und hinter der Bühne nach Angst, Abhängigkeit und Macht riechen. Karrieren, die nicht aufgebaut, sondern verbraucht werden.

In den nächsten Tagen werde ich Archivbilder auf meiner Homepage veröffentlichen. Keine Erinnerung, sondern Referenz. Beweise aus einer Zeit, in der Mode noch ein Filter für Charakter war. Diese Bilder erklären, warum ich heute nicht mithalte, sondern vorausdenke. Echte Models waren nie das Ziel dieser Branche. Sie waren ihr Nebenprodukt.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie verschwunden sind.
Ich bin nicht hier, um sie zurückzubringen.
Ich bin hier, um zu zeigen, warum sie nicht ersetzt werden können.
all photos © JUAN FELIPE
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